Klettern

Es gibt sie noch: Berge im Alpenraum die klassischen Pioniercharme aufweisen. Routen die oft nur wenige male seit der Erstbegehung wiederholt wurden. Verbunden mit brüchiger Felsqualität, stets den echten Alpinisten fordernd. Einige dieser letzten Abenteuer finden sich auf diesen Seiten! 

Die hier aufgeführten Tourenberichte sind in ihrer echten Reihenfolge angelegt, das heißt nach den Jahren wie ich sie begangen habe. Die Texte stammen Hauptsächlich aus meinen Bildbänden HART und STEINIG I-III, die in meinen Shop zu erhalten sind.

Österreich/Schobergruppe/Georgskopf 3096m

Die Schobergruppe liegt im Schatten von Glockner und Venediger in Osttirol. Aufgrund dieser prominenten Nachbarn ist es um diese Bergwelt still geblieben, obwohl sich hier auf engstem Raum 53 3000er versammeln. Ein Großteil dieser Berge wird oft über Jahre hinweg nicht bestiegen. Der Georgskopf symbolisiert für mich wie kaum ein anderer Berg das unverfälschte Abenteuer. Die völlig weglose, wildromantische Hochgebirgslandschaft um das Prititschkar bildet dabei den spektakulären Rahmen. Erstbegangen durch Ludwig Purtscheller Ende des 18.

Jahrhunderts, erste Damenbegehung 1971. Schätzungsweise zehn Seilschaften standen seither auf dem Gipfel und das in unseren zum Teil übererschlossenen Alpen. Im Herbst 2004 konnte ich mit Spezl Dietl den stolzen Urgesteinsbrocken
seilfrei erklettern. Der Aufstieg bewegt sich im unteren Teil in extrem steilen Bergwiesen. Eine steile Rinne führt in die Georgsscharte, aus der sich scharfkantig der Grat aufbaut. Traumhafte Kletterstellen, im bestem Granit, bis
zum unteren IV Schwierigkeitsgrad führen zum Gipfel. Vor allem die luftige Schlüsselstelle, eine gut 100m lange, ausgesetzte Reibungsplatte, ist purer Genuss. Eisenharte Leisten und Risse führen über diese Stelle hinauf. Eines der attraktivsten und einsamsten Ziele im Ostalpenraum.

Österreich/Lechtaler Alpen/Schlenkerspitze 2827m 

Die Lechtaler Alpen an sich stellen schon ein El Dorado für den anspruchsvolleren Allroundalpinisten dar, der in der Lage ist abseits aller Routen und Wege seine Touren zu suchen. Die Taler liegen relativ niedrig ebenso tief reicht die Felsregion hinab daraus ergeben sich lange und teilweise nicht zu unterschätzende Anstiege im großteils brüchigen Gelände. Es gibt nur eine handvoll Gipfel, die einigermaßen normal zu besteigen sind. Für die meisten anderen ist Kletter- und zum Teil sogar

Eserfahrung notwendig. Die große Schlenkerspitze ist ein Parade beispiel für den typischen Lechtalberg. Abseits aller Steige fristet sie ein eher einsames Dasein, obwohl sie im Nordteil der Gruppe die höchste Erhebung ist. Der benachbarte Muttekopf ist bei weitem mehr besucht und eine der wenigen Ausnahmen, wo sich der Gipfel auch durch Bergwanderer erreichen läßt. Mit ein Grund, für die wenigen Schlenkerspitzaspiranten dürfte der knackige Anstieg sein. Einem langen Talweg, der landschaftlich seines gleichen sucht. folgen zwei steilere Talstufen ehe es möglich ist, rechts die Hänge anzusteigen, um den Grat zu erreichen. Über einen rein optisch unersteigbaren Sporn sind die steilen Rinnen rechts des Gipfelaufbaus erreicht. Im großen Bild auf der linken Seite sind diese Strukturen an diesem form vollendeten Berg klar zu erkennen. Ein Platz, der den Einsatz von Pickel und Steigeisen verlangt. Im Anschluß führt eine unangenehme Kletterei im dritten Schwierigkeitsgrad durch teilweise bröseligsten Fels zum Vorgipfel. Uber eine tiefe, atemberaubend klaffende Scharte, wird der Hauptgipfel erklettert. Die Einträge im Gipdfelbuch sprechen für sich. Ebenso der Rundblick in die Lechtaler Gebirgswelt, die noch viele Möglichkeiten für die Zukunft offen läßt. Wir echte Bergsteiger können nur dankbar sein, dass sich eine touristische Erschließung auch in Zukunft in Grenzen halten wird.

Österreich/Lechtaler Alpen Vorderseespitze 2889m

In der Vorderseespitze findet sich das Nonplus ultra eines klassischen Paradeberges. Ich möchte behaupten, dass dieser Gipfel in Aufbau, Gestalt und Lage in den nördlichen Kalk alpen kaum seines Gleichen findet. Dass sich in seiner Nordostflanke ein Gletscher halten hat können, unterstreicht das hochalpine Ambiente. Allerdings beansprucht diese Tour einen in Fels und Eis versierten Alpinisten, der zusätzlich in der Lage sein muß einen Aufstieg durch die unübersichtlichen Flanken unterhalb des Gletschers zu finden. Selbst zu Beginn

dieses Abenteuers bietet einem die Natur eines der schönsten und wildesten Hochgebirgstäler im Lechtal. Murmeltiere in großer Zahl und auch Adler lassen sich beobachten. Am Ende des Tales beginnt der Ernst, wenn es heißt die
steilen Hänge in die Scharte zwischen Feuer- und Vorderseespitze zu ersteigen. Nach diesem fulminanten Übergang beginnt endgültig das ultimative Abenteuer, das Problem dabei ist die richtige Rippe am Einstieg zu erwischen. Über eine Moräne führt die Route zum Wandansatz hin. Über ein verwickeltes Rinnensystem, das des öfteren vereist ist, geht es im dritten Schwierigkeitsgrad steil auf eine Rampe hinauf. Ein altes Seil an einem rostigen Haken markiert den Punkt, wo es in einer luftigen Links Querung weiter zum Rand des Gletschers
geht. En direkter Anstieg zum Gletscher ist durch einen wilden, senkrechten 150 Meter Wandabruch nicht machbar. Wie mag dieser Gletscher noch vor einigen Jahren ausgesehen haben, als er über die Fels abstürze noch kalbte. Die Zeit
für den Einsatz von Steigeisen und Pickel ist gekommen. Der untere, meist
sehr eisige Teil führt steil empor. Matt glänzt das blanke Es in der Sonne. Im oberen Teil legt sich das Eisfeld leicht zurück und je nach Jahreszeit gibt es sogar einige kleinere Spalten. Zuletzt heißt es noch eine Randkluft zu überwinden, um den darüber beginnenden Grat zu erreichen. Mehrere Seillängen im dritten Schwierigkeitsgrad, in erstaunlicherweise festen Fels, leiten den Kamm empor. Die Tiefblicke auf unseren Gletscher und die Bergwelt der unmittelbaren Umgebung werden atemberaubend. Kletterstellen aller bester Gute werden uns zuteil. Noch eine Enschartung überkraxeln, um nach wenigen Metern den Gipfel zu erreichen. Die weniger als ein bis zwei Enträge pro Jahr Im Gipfelbuch bestätigen die einsam, Isolierte Lage dieses Traumberges. Für Diana und mich wieder einer der ganz großen Momente, das Gefühl auf einem ganz besonderen Gipfel zu stehen. Der Abstieg versprach noch einmal Adrenalin pur in der gut 600 Meter hohen Westflanke, die geradezu unergründlich in düstere Tiefen stürzt. Wieder ein wildes Abenteuer das im dritten Schwierigkeitsgrad, verbunden mit dem brüchigsten Lechtalschrott, in das Tal zurück führt. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass dieses Kleinod eines Gletschers noch einige Jahre erhalten bleibt. Der Erlebniswert dieser Tour, ist für den der diese Anforderungen im Fels und Es erfüllt, kaum zu über bieten.

Österreich/Ötztaler Alpen/Hochalt 3247m

Zum Großteil dürften die Ötztaler wohl übererschlossen sein, aber ein kompletter Seitenkamm der von der Weißkugel gegen Süden streicht, wurde Gottseidank übersehen. Stolze Gipfel wie die Saldurspitzen und das Ramudla konnten wir bereits ersteigen. Das letzte Geheimnis liegt am Ende des Zuges in Gestalt des aus mehreren Gipfeln bestehenden Hochalts. En völlig wegloser Anstieg führte Sibylle und mich im September 2006 über ein Hochtal in weltentrückte, ferne Kare hinauf. Über eine tiefe Scharte links des Gipfelkörpers ist der zersplitterte Grat zu erreichen Schwierigkeitsgrad I-II leitet an oft losen Plattenwerk empor. 

Sein großes, dunkles Geheimnis offenbart der Berg erst an seinem Vorgipfel. Vor Jahren wälzte sich ein Gletscher durch die oberste Mulde. Zwischen den einzelnen Gipfeln des Hochalts lagert noch ein kleiner Rest des einst mächtigen Esstroms. In jüngster Zeit schmolz ein Großteil ab und hinterließ zwei, in herrlichem Grün schimmernde, Bergseen. Diese beiden Gletscherseen sind bis zum jetzigen Zeitpunkt in keiner Karte verzeichnet. Zusätlich dürften sie die höchstgelegenen Seen Südtirols sein. Der Hauptgipfel selbst ist über einen leichten Grat schnell erklettert. Die Faszination über die Seen überwiegt das zusätzlich noch erstklassige Gipfelpanorama.

Österreich/Lechtaler Alpen/Leiterspitze 2750m

Meine innige Zuneigung zu den verborgenen Gipfelzielen in den einsamen Lechtaler Bergen kennt ihr ja aus dem vorangegangenen Band. Natürlich sind diese auch hier wieder präsent, da es in der heutigen Zeit wohl immer wertvoller wird sich in ursprüngliche Berggebiete zurückziehen zu können. Das erklärt auch meinen jetzigen Zwist mit der Münchner Alpenvereinssektion, die den so genannten Funpark Alpen nicht verhindern wollen, sondern sogar unterstützen. Nun habe ich in der kleinen Sektion Ammersee Gleichgesinnte gefunden,

die meine Erfahrung schätzen und mich als Jugend- und Fachübungsleiter einsetzen. Zurück zur Leiterspitze die gänzlich im Zentrum der Lechtaler aufragt und leider ihres kleines Gletscherchens, dem Leiterferner durch die Klimaerwärmung beraubt wurde. Dieser von Gramais aus zu ersteigende Berg bietet einsame Kletterei bis II und zusätzlich ein großes Spektrum landschaftlicher Eindrücke, wie sie nur die Lechtaler bieten können.

Österreich/Lechtaler Alpen/Freispitze 2884m

Es mag sein, dass die knapp über dreitausend Meter hohe Parseierspitze der höchste Lechtalgipfel und gleichzeitig der einzige 3000er der nördlichen Kalkalpen ist. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die ungekrönte Herrscherin der Lechtaler Berge das aus Steilgras und Rätkalk geformte Bollwerk der Freispitze darstellt. Zwischen 1300m bis 1500m brechen nach allen Seiten hin ungemein steile Wandfluchten ab, wobei allein deren Anblick viele Besteigungsversuche im Keim erstícken. Einen so genannten Normalweg gibt es eigentlich nicht, selbst der Anstieg über die Rote Platte veranschlagt gut den III Grad, während mein Anstieg über die Dreischarten sogar an den IV Grad heranreicht. Gute 1700 Höhenmeter als Tagestour, großteils weglos in unübersichtlichen, Steinschlag gefährdeten Gelände, bedeuten von der Gesamtanforderung her die wohl härteste Tour in dieser abgelegen Ecke. Von Bach im Lechtal aus haben Diana und ich uns mit dem Taxi bis kurz vor Madau fahren lassen, da die Strecke mittlerweile für den normalen Verkehr gesperrt ist. Was Anfangs noch harmlos auf einem markierten Weg verläuft wird im oberen Teil zu einer wahrhaft grandiosen Route in einer unglaublich gewaltigen Felskulisse. Beidseitig schwingen sich senkrechte, teils überhängende Wände schier Himmelhoch empor. Das letzte Stück zur linken der Dreischarten wartet dann mit einer lehmartigen Wand auf, deren schichtartiger Fels mit senkrechter Faltung unangenehm zu beklettern ist. Ab der Scharte wird der Blick zur Wetterspitze, Feuerspitze und Vorderseespitze, samt deren Gletscher frei. Eine kurze Stufe mit Drahtseil führt an den Grat heran, der nachdem der erste Kopf rechts umklettert wird messerscharf emporstrebt. Schwindel erregende Tiefblicke zu allen Seiten hin, dazu brösligster Fels, erfordern höchste Konzentration. Der rötliche Gipfelblock wird von rechts durch eine Rinne merobert. Eine letzte ausgesetzte Passage führt zum Gipfelkreuz. Erschöpft, aber glücklich stehen Diana und ich auf dem einsamen Gipfel, der nicht nur einen sehr anspruchsvollen Aufstieg, sondern auch ein phänomenales Panorama schenkt. Die wenigen Eintragungen im Gipfelbuch sprechen für sich, denn hier ist der echte Alpinist unter seines gleichen. Das Motto der Berg gehört Dir erst wenn Du wieder unten bist, trifft auf die Dreischartenroute vollstens zu. Unser Glück waren am Abend noch Holzarbeiter vor Ort und wir konnten uns so den langen Hatscher auf der Teerstraße ersparen.

Österreich/Mieminger Alpen/Östliche Griesspitze 2751m

Die Mieminger Kette steht touristisch gänzlich im Schatten des Wettersteins, nur so lässt sich erklären as die drei Hauptgipfel kaum bestiegen werden, obwohl mit Zugspitze und Schneefernerkopf nur zwei Gipfel im Wetterstein höher empor ragen. Der zweithöchste Gipfel, die östliche Griespitze ist in meinem Projekt alle Nordwände solo zu begehen, mein erstes Ziel. Nach 1984 bereits aus dem AV Führer, auf Grund außenordentlicher Brüchigkeit und Gefährlichkeit gestrichen, stellt diese Wand eines der lohnendsten alpinen Ziele in den Miemingern dar. Die Variante über den Sporn einer alten Moräne bietet sogar im unteren Wandteil Schutz vor dem ständigen Steinschlag. Im unteren Teil auf dem Sporn bei III+ noch mit Günther, der leider mit Schulterproblemen nicht weiter klettern kann und im oberen Teil alleine im gewaltigsten Bruch aller Zeiten bei II-III in die

Scharte. Nochmals luftige Gratkletterei III zum Gipfel, wo sich eine Metallkassette mit dem perfekt erhaltenen Buch von 1932 befindet. Davon nur wenige Seiten beschrieben und ich dürfte unter den ersten 10 Nordwandbezwingern sein.
Das ebenso alte Buch, vom wenige Meter niedrigeren Westgipfel (Kreuz) befindet sich bereits im alpinen Museum in Innsbruck.

Österreich/Mieminger Alpen/Hochplattig 2768m

Der höchste Miemingergipfel der Hochplattig, baut sich im Zentrum des Massivs auf. Alte Bergwerke in den Nordkaren unter seinem Gipfel zeugen von frühen Aktivitäten. Dennoch wird auch diese Router nach der Auflage 1984 aus dem AV Führer gestrichen, Spannenderweise existieren in der markanten, plattenartigen Rampe III+ noch alte Sicherungsanlagen die mehrere Jahrzehnte alt sein

dürfen. Diese sind aber unbenutzbar und gefährlich, nur die eingeschlagenen Stangen lassen sich noch gut zum abseilen nützen. Der obere Teil besteht ebenso aus gnadenlosem Bruch bester Güte, sotass schnelles Klettern um den Steinschlagsalven zu entkommen, dringend notwendig ist. Der Rest ist einfach nur Genuss und Momentaufnahmen eines Bergsteigerlebens. Kaum mehr als zehn
Besteigungen im Jahr, meist von Süden, auch hier bin ich unter den wenigen, die die Nordwand durchstiegen Welcher hohe Gipfel einer Alpengruppe hat solch ein Einsamkeitspotenzial?

Österreich/Mieminger Alpen/Hochwand 2719 

Der dritte Gipfel, seines Zeichens auch der Dritthöchste, veranschlagt den anspruchsvollsten und längsten Anstieg von allen. Schon der Zustieg in die Scharte rechts des Gipfels führt durch extremst brüchiges Gelände, so dass meine Frau Diana bereits hier dankend ablehnte und das Gelände nur für Vollwahnsinnige freigibt. Dementsprechend "schaue" ich nur einmal, was in einem verzweifelten Einstiegsversuch an einem Überhang endete. Mehrere Stellen absuchend will ich schon einpacken, dann aber packt mich der Rappel und ich steige in den Überhang IV, wissend dass es kein zurück gibt, schwitzend ein. Uralte, nicht gerade vertrauensvoll wirkende Haken, deuten darauf hin, dass ich auf der richtigen Route bin. Oberhalb wird es einfacher und das nahezu waagrechte Gratstück führt genussvoll dem Gipfelaufbau entgegen. Diesen wiederum muss ich linksseitig in einem schwer zu kletternden, brüchigen Rinnensystem überwinden. Ich weiß, dass ein abklettern kaum möglich ist und wie gollte ich erst eine Sicherung zum Abseilen in diesem Bruch legen? Trotz dieser mulmigen Überlegungen erreiche ich überglücklich den Gipfel. 

Im Gipfelbuch sind wie bei den anderen Miemingern sehr wenig Eintragungen und von Norden fast nichts, einfach unglaublich. Im Abstieg habe ich dann das Glück, zufällig eine Abseilstelle zu finden. Auf die Urhaken verlassend, eine Schlinge oofemd, konnte ich den Gipfelaufbau überlisten und weiter zur wartenden Diana abklettern. Diese bezeichnete meine Route als, von hier unten betrachtet, komplett Irre und lebensmüde. Na wenn das kein Prädikat ist!
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© Norbert Hofmann